Eine kleine Übung
Das Leben ist spannend, es passiert so viel ... und dann ist schon wieder ein Urlaub, eine Reise, ein Besuch, eine Feier rum.
Meine Emotionen geben sich die Klinke in die Hand : Aufregung, Sorge, Zuversicht, Frustration, Müdigkeit, Gleichgültigkeit, Hoffnung. Und die überraschende Erkenntnis, dass kaum etwas so stabilisierend wirkt, wie die geistliche Routine.
Letztlich sind es nicht die Online- und Videoangebote, gestreamten Gottesdienste, Zoom-Gebetstreffen, Podcasts oder andere Segnungen der geistlichen digitalen Welt die meine Ausrichtung klären. Sondern das, was ich über viele Jahre eingeübt habe: das kontemplative Gebet am Morgen, Bibellesen untertags und ein kurzer Tagesrückblick.
Vor allem der Tagesrückblick ist mir ein wichtiger Begleiter geworden. Ein kurzes Innehalten am Abend. Ich habe jetzt Zeit. Richte mich aus. Gott ist da, bei mir. Und in seiner Gegenwart nehme ich die Resonanz dieses Tages wahr. Wofür bin ich dankbar? Was ist gelungen, was weniger? Was will sich versöhnen? All dies darf da sein und wird Gott hingehalten. Ein Vater unser. Amen.
Diese kleine Übung, die Ignatius von Loyola als unverzichtbar beschreibt, hat mich oft erst in Kontakt mit dem gebracht, was wirklich war. Im Benennen der Realität wurde sie handhabbar. Auch ohne unmittelbare Lösungen oder Strategien. Unsicherheit verwandelte sich unbemerkt in Zuversicht: Gott hat immer noch alles in der Hand. Mein kleines Leben und die große Welt. Und deshalb kann ich jetzt beruhigt schlafen.
So erlebte ich es immer wieder. Und ganz nebenbei habe ich jede Menge über mich, meinen Krisen-, Glaubens- und Lebensmodus gelernt. Und all das nur wegen einer kleinen Übung …
(Foto: Sonja Hannemann. Vorlage: www.berufung.jesuiten.org)