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Kontemplative Exerzitien
Juni 2020
Das kontemplative Gebet gehört schon seit vielen Jahren zu einem wesentlichen Teil meines geistlichen Lebens. Seit dieser Zeit plane ich einmal im Jahr sieben, bzw. zehntägige Exerzitien. Nun hatte ich für das Jahr 2020 eine dreimonatige Sabbatzeit geplant. In diese hinein wollte ich eine 30tägige Exerzitienzeit legen. Nur etwas für Exoten oder ganz Fromme? Nein, eher ein Abenteuer auf das man sich durchaus einmal im Leben einlassen kann. Ich hatte mich entschlossen diese Exerzitien alleine, aber mit einem täglichen Begleitgespräch durchzuführen
Meine Motivation: 30 Tage, mein Zeit, mich selbst Gott zu schenken ohne Agenda oder etwas Bestimmtes erreichen zu wollen oder zu müssen. In der Stille, im Gebet, wach, aufmerksam und interessiert da zu sein, für das was von Gott her kommt.
In der Stille, im Schweigen vor Gott, wurden die inneren Gedanken, Emotionen und Stimmen laut, die im Trubel des Alltags nur am Rande oder gar nicht zu hören sind. Die ersten Tage waren davon geprägt, dass ich körperlich müde und noch ganz im Leistungsmodus unterwegs war. Es dauerte einige Tage, bis ich in einer gelasseneren inneren Haltung da sein konnte.
Die Frucht dieser Zeit? Oder was mich viele fragen, „was bringt´s so viel Zeit zu investieren?“ Viele überraschende und unerwartete Gottesbegegnungen. Eines Nachts beim Gebet, es ist alles dunkel um mich herum, nur eine Kerze brennt und dann die Wahrnehmung von Gottes Gegenwart im Raum – unbeschreiblich.
Ich durfte in dieser Zeit auch einiges über mich selbst erkennen. Neben der Erfahrung eigener Grenzen, wurden auch „Schattenseiten“, die mir bisher verborgen waren bewusst und damit auch meine Versöhnungsbedürftigkeit. Dabei zu erleben, wie Jesus da ist und mit mir durch diesen Prozess und die einzelnen Phasen geht, erweckte in mir eine tiefe Dankbarkeit, Sehnsucht aber auch Ehrfurcht vor meinem großen Gott. (AE)
Eine kleine Übung
12-12-2020
5 Monate nach dem Lock down. 5 Monate, seit ein Virus unser Leben und unsere Gewohnheiten durcheinanderbringt. 5 Monate, in denen ich dankbar bin: für das gemeinsame Handeln von Politik, Wissenschaft und Gesellschaft, für gegenseitige Rücksichtnahme und viel Bewahrung. Gleichzeitig wird klarer, dass auch bei einem „neuen Normal“ vieles nicht einfach nachgeholt werden kann. Familienfeiern, Fortbildungen, Urlaub, lang geplante Besuche mit Reisen ins Ausland … vorbei.
In den letzten Wochen haben sich meine Emotionen die Klinke in die Hand geben: Aufregung, Sorge, Zuversicht, Frustration, Müdigkeit, Gleichgültigkeit, Hoffnung. Und die überraschende Erkenntnis, dass kaum etwas so stabilisierend wirkt, wie die geistliche Routine.
Letztlich waren es nicht die Online- und Videoangebote, gestreamten Gottesdienste, Zoom-Gebetstreffen oder andere Segnungen der geistlichen digit
alen Welt die meine Ausrichtung klärten. Sondern das, was ich über viele Jahre eingeübt habe: das kontemplative Gebet am Morgen, Bibellesen untertags und ein kurzer Tagesrückblick.
Vor allem der Tagesrückblick ist mir ein wichtiger Begleiter geworden. Ein kurzes Innehalten am Abend. Ich habe jetzt Zeit. Richte mich aus. Gott ist da, bei mir. Und in seiner Gegenwart nehme ich die Resonanz dieses Tages wahr. Wofür bin ich dankbar? Was ist gelungen, was weniger? Was will sich versöhnen? All dies
darf da sein und wird Gott hingehalten. Ein Vater unser. Amen.
Diese kleine Übung, die Ignatius von Loyola als unverzichtbar beschreibt, hat mich oft erst in Kontakt mit dem gebracht, was wirklich war. Im Benennen der Realität wurde sie handhabbar. Auch ohne unmittelbare Lösungen oder Strategien. Unsicherheit verwandelte sich unbemerkt in Zuversicht: Gott hat immer noch alles in der Hand. Mein kleines Leben und die große Welt. Und deshalb kann ich jetzt beruhigt schlafen. Und so war es auch. Und ganz nebenbei habe ich jede Menge über mich, meinen Krisen-, Glaubens- und Lebensmodus gelernt. Und all das nur wegen einer kleinen Übung …
(Foto: Sonja Hannemann. Vorlage: www.berufung.jesuiten.org)